Manchmal, wenn ich zu ungesund gelebt habe, ereilen mich neurotische Todesangstattacken. Zum Beispiel neulich beim Friseur.
Es ist wirklich hart, frischverkatert zwei Stunden lang vor einem Spiegel sitzen zu müssen. Sich mit geröteten Augen, grobporig, riesennasig anzuschauen und nächstens vierzig werden….das ist hart, wenn Frau nicht gerade Sophia Loreen ist. Nun ja. Andere Kinder müssen im Kongo aufwachsen also mal schön den Ball flach halten!
Die Haare sind geschnippelt und werden ein bisschen gefärbt...alles paletti könnte man meinen.
Das Problem: Kreislauf, Atmung, Nervensystem. Alles befindet sich aufgrund der gestrigen Eskalationen in absoluter Schieflage. Ist der Körper in Alarmbereitschaft? Was kribbelt da so in der Schulter? Wieso kriege ich keine Luft? Ist das zuckende Augenlied vager Vorbote eines Schlaganfalls? Ich bewege mein Gesicht ziehe lächerliche Grimassen und spreche laut und deutlich einen Satz aus, nur um sicherzugehen keinen Schlaganfall zu haben. Die Friseuse denkt ich sei Schauspielerin und wundert sich entsprechend über nichts. Stillsitzen ist in einer solchen Maniephase beinahe unmöglich. Auch weiß ich, dass es gar keine Manie ist (weiss ichs? Manie Manie Man weiß ja nie! ),... ich denke es ist einfach nur ein Kater der in einen durch Alter und Verschleiß geschwächten Körper schnurrt. Warum aber auch musste ich gleich 3 Haschkekse in mich reinstopfen? Ganz einfach: sie waren lecker! Es sollte verboten werden leckere Drogen zu produzieren. Drogen müssen ekelig schmecken, sowie Zigaretten zum Beispiel.
Eine Frau nimmt neben mir Platz. Ich denke noch: was will die denn hier, die hat so tolle Haare, da kichert sie sympathisch zur Friseuse, dass sie die Haarverlängerung doch lieber wieder entfernen lassen möchte, einfach weil sie keinen Bock auf die aufwendige Pflege hat. In Wahrheit denke ich mir, kann sie mit diesem Fremdanteil an sich nicht leben. Sie ist nämlich sehr...naja, irgendwie "ganz".
Sie ist irgendwie ganz und rund. So ein Mensch fühlt sich gar nicht wohl mit künstlichen Dingen an sich dran.
Ich sehe wie schön sie ist, die Friseuse die ganze Arbeit von fünf Haareknüpfenden Stunden, die umsonst war.
Kaum ist die Szene beendet, bin ich nicht mehr abgelenkt und spüre wieder meine Todesangst. Was ist, wenn mein Gehirn platzt? Oder sowie J es neulich passiert ist: mein Herz einfach stehen bleibt? Frisiert und gefärbt sind die Haare, ich gäbe also eine schicke Sterbende ab. Man würde mich als gut frisiert in Erinnerung behalten...aber jetzt schon?
Die Friseuse reißt mich aus meiner jähen imaginierten Vorhölle und bietet mir eine TASSE KAFFEE an, was gar nicht geht, genauso gut könnte sie mir einen Sack Ameisen zum inhalieren andrehen. Ich bitte um einen Tee und ahne den Braten gemeinsam mit der trapsenden Nachtigall weiß ich bereits wo der Hase im Pfeffer begabt liegt. Eine Wartezeit kommt auf mich zu.
Der Haarverlängerungs-Rückgängigkeits-Notfall. Zack schon sitz ich mit einer Tasse heißen Tee und einem Stapel Illustrierten an den Rand verschoben wo ich nun auch unbemerkt meinem viel zu frühen Tod entgegenblicken kann nicht wahr?!
Ich versuche Tiefenatmung. Mein Herz rast. Ich spitze die Lippen, kneife die Augen, lüfte die Augenbrauen und wackle mit den Ohren. Kein Schlaganfall. Kein Hirnschlag. Alles unter Kontrolle.
NIE WIEDER HASCHISCHKEKSe schwöre ich mir und dem lieben Gott, den ich eigentlich nur als Zeugen brauche. Plötzlich packt mich eine Hand! ...ist es die Gottes? Am Hinterkopf, ganz sanft und irgendwie leise auf eine Weise und legt mir ein warmes Handtuch in den Nacken, träufelt irgendein angenehm duftendes Etwas ins Haar, wunderbar und...beginnt mir doch tatsächlich sanftdruckig den Kopf zu massiiiieren. Ein Fest der Sinne soll das jetzt werden? Okeeee!
Ach du Schande! Ich versuche hier, mich zu beruhigen und nun massiert sie mir quasi jede Gehirnzelle einzeln ob das gut geht? Ehrlich gesagt hatte ich noch nie eine Kopfmassage und habe keine Ahnung in welchem Maße diese beruhigend oder eben anregend auf mein System wirkt.
Ich versuche ja den leichten Druck der kleinen kühlen Hände zu genießen, fühle mich wie ein Autist im Glockenturm und überlege ernsthaft der jungen Frau, die sich zu meiner Beschämung wie eine Tempeldienerin gebärdet Einhalt zu gebieten, einfach weil ich Angst habe zu sterben, wenn sie die falschen Nervenzellen die allesamt noch mit Gift abbauen beschäftigt sind anregt.
Da ich die zweifelhafte Gabe habe, mich selber sehen zu können, checke ich natürlich wie lächerlich und überreizt mein Empfinden ist. NeuronenMist. Ich muss lachen.
Erste Energieabfuhr, lachen als Ventil. Schon mal viel. Schon mal n` Anfang wie ich finde, ja noch dreht sich das Gewinde!
Dann entschließe ich mich es darauf ankommen zu lassen.
Es gibt echt beschissenere Tode als frisch frisiert unter den wohlmeinenden Händen einer netten jungen Frau zu krepieren. Ich sage mir: Es war doch wirklich sehr schön alles. Mein Leben und so. Ich meine Ok, ich war noch nie Indien aber he! Viele werden dort verschwindien ich bin noch da tirallala. Klar wäre ich lieber im Persischen Golf bei einem Delphinritt verunglückt oder bei einer unendlichen Wüstentour verbrannt im Sand…..aber banal geht auch.
Meinen kleinen Hund werden die Eltern schon retten, wenn sie merken, dass ich Sonntag nicht zu ihnen komme Meine wichtigsten Freunde wissen alle wie lieb ich sie habe und wie sehr ich sie schätze und dass ich ihnen alles Gute wünsche... irgendwann sterben eh alle...wer nicht gerade Pyramiden baut
….verschwindet...löst sich auf in Sternenstaub...
Muss denn immer was übrigbleiben? Ist es nicht poetisch, dass erst so viel sein kann und dann plötzlich nichts mehr ist?
Plötzlich erwischt es mich eiskalt. Ich sehe Sterne vor meinen Augen. Eine Welle, ein Schauer der Wonne rollt sich vom Nacken aus, kribbelnd über den ganzen Kopf, mein ganzer Körper entspannt sich plötzlich auf einen sanften Schlag, ich öffne die Augen und diese kleine Frau, ein junges Mädchen, ganz freundlich mit klugen Äugeleinsagt: bitteschön!
Die weiß genau was sie da gemacht, was sie draufhat! Und sie hat gesehen was ich brauchte. Das war eine Hammerkopfmassage und ich bin noch am Leben