Es ist 13 Minuten vor acht, als D anruft.
Ob ich nicht zum Wenzel-Konzert kommen wolle. Und ob ich Bargeld für die Karten hätte.
Bargeld? Konzert? Jetzt?
„Wann geht es denn los?“
„Um acht.“
Zehn Minuten. Oooookay!
Gerade noch sitze ich in einem dieser tristen Abende herum, die keinerlei Anstalten machen, von allein besser zu werden. Und plötzlich: Einsatz! Raus aus der Wohnung, rauf aufs Fahrrad. Ich trete in die Pedale, als hinge mein Seelenheil davon ab – was, wie sich später herausstellt, auch ungefähr der Wahrheit entspricht.
Hin zur Kirche, zack, Fahrrad abgestellt, irgendwie hineingestolpert, ein SprudelWasser in die Hand – und da sind tatsächlich in der ersten Reihe genau zwei Plätze frei. Für uns. Als hätte jemand kurz vor Konzertbeginn noch einmal auf die Gästeliste des Universums geschaut und gesagt: Die beiden da, die müssen heute ganz nach vorn. Juchheee!
Und dann: Wenzel.
Mein erstes Wenzel-Konzert. Ds zwanzigstes. Wir betreten den Abend also mit einem gewissen Erfahrungsgefälle. Er weiß offenbar längst, was gleich geschieht. Ich nicht.
Ich raste aus.
Mannnn, ist dieser Mann gut! Und wie toll diese Musiker spielen! Da sitzt man plötzlich mitten in dieser Musik, die klug und wild und zärtlich ist, melancholisch und gleichzeitig voller Trotz. Lieder, die die Welt nicht schöner lügen, aber sie irgendwie wieder bewohnbar machen. Und ein Mann auf der Bühne, der klingt, als hätte er schon mit sämtlichen Engeln, Teufeln, Kindern, Matrosen, Arbeiterinnen, Liebenden und Verlorenen dieser Erde an einem Tisch gesessen – und hinterher alles aufgeschrieben.
Keine halbe Stunde zuvor war der Abend noch grau und abgeschlossen gewesen. Nun saß ich in der ersten Reihe, trank SprudelWasser, staunte und fühlte mich, als hätte mich jemand im letzten Moment aus meinem eigenen kleinen Stimmungskeller gezogen.
Manchmal braucht es eben keinen ausgeklügelten Plan zur seelischen Rettung. Manchmal braucht es nur einen Anruf 13 Minuten vor acht, Bargeld für die Karten, ein Fahrrad, zwei freie Plätze in der ersten Reihe, SprudelWasser– und Wenzel.
Ich bin gerettet.
Und hochmotiviert.
Wofür genau, wird sich zeigen.
"Wie dich lieben, wenn die Zweifel / sich verkriechen im Versteck? Denn kein noch so grobes Mittel / wird geheiligt durch den Zweck. Halte meine Sinne offen, unsrer Nähe Platz zu schaffen. Lass uns auf die Unschuld hoffen, Gegen Unvernunft und Waffen Leg dein Lächeln über mich...
Schütze mich vor dieser Pest, / die uns hässlich werden lässt. Leg dein Lächeln über mich / wie ein Zaubertuch.
SCHÜTZE MICH VOR DIESEM FLUCH. "
(aus: Schütze mich vor diesem Fluch vom neuen Album: Strandgut der Zeiten)